Günther Ramin

1935–1943

Günter Ramin, 1898 in Karlsruhe geboren, wurde 1910 Thomaner und studierte auf Anraten des damaligen Thomasorganisten Karl Straube am Königlichen Konservatorium in Leipzig. Von 1933 bis 1935 leitete er den Leipziger Gewandhauschor und wurde im Oktober 1939 als Nachfolger von Straube zum Thomaskantor berufen. Dieses Amt führte er über 16 Jahre lang bis zu seinem Tode 1956.

Im Jahr 1935 übernahm Ramin die Leitung des Philharmonischen Chors Berlin – in einer Zeit, in der sich der Chor in einer äußerst bedrohlichen Lage befand. Die von den Nationalsozialisten geforderte „Gleichstellung“ zwang den Chor, die jüdischen Mitglieder, die einen Großteil der Sängerinnen und Sänger ausmachten und die den Chor maßgeblich finanziell trugen, auszuschließen. Ramin, obwohl als „reichsunmittelbarer“ Künstler von den Nazis protegiert, war weder Mitglied der NSDAP noch Anhänger der NS-Kulturdoktrin. Mit dem Chor musste er völlig neu beginnen – zur ersten Probe des durch die Rassengesetze geschwächten Chors erschienen noch 17 Sängerinnen und Sänger. Trotzdem entwickelte Ramin – der sich dem Erbe seiner Vorgänger Ochs und Klemperer verpflichtet sah – den Chor musikalisch in kurzer Zeit wieder zu einem der führenden Chöre und führte in seinen sechs Berliner Konzertjahren vor allem die Tradition der Aufführung der großen Werke J. S. Bachs fort.

Die Kriegsjahre führten für alle Kultureinrichtungen zu starken Einschränkungen. So sahen sich auch der Philharmonische Chor und sein Leiter ab 1942 einer kriegsbedingten Kulturrationierung gegenüber – zumal sich beide nicht an Staatsakten, Parteiveranstaltungen oder „Grenzlandfahrten“ beteiligten. Und trotzdem müssen zur Verwirklichung der Konzerte Ramins, für die große Solistenensembles und Orchersterbesetzungen erforderlich waren, beträchtliche Summen aus Staatsgeldern geflossen sein. Gleichzeitig hatte der Chor in den fortschreitenden Kriegsjahren erhebliche Schwierigkeiten, die Männerstimmen angemessen zu besetzen.

Sein letztes Konzert beim Philharmonischen Chor dirigierte Günter Ramin zum 60jährigen Bestehen des Chores 1942. Warum Ramin den Chor schließlich im Jahr 1943 ganz verließ, liegt im Ungewissen. Die offizielle Erklärung, die Zeitumstände ermöglichten kein Wirken mehr in zwei durch den Krieg besonders gefährdeten Städten (Berlin und Leipzig), erscheint zumindest fragwürdig Ob es die drohende Fusion mit dem von der Nazi-Spitze geförderten „Kittel‘schen Chor“ war, es zu einem Zerwürfnis mit der Nazispitze gekommen war (Ramin hatte noch 1935 auf Göbbels Hochzeit Orgel gespielt) oder tatsächlich das Näherrücken des Kriegsgeschehens bleibt offen.